Schuldquartett an Muttertag

 

Heute ist Muttertag.

Ein Tag, um Müttern zu danken, sie wertzuschätzen für ihr Dasein, für ihr Wirken und Werkeln, ihre Hilfe und Unterstützung. Ein Tag, um „ich liebe dich“ zu sagen. Ein Tag, der es in sich hat…

 

 

Ich bin heute erst um 5 Uhr wieder zu Hause. Es wird schon langsam hell, die Vögel beginnen ihr Morgenlied zu zwitschern und ich bin froh und von Herzen dankbar, dass wir 5 Minuten zu spät waren. Wären wir heute Nacht diese 5 Minuten früher losgefahren, wären wir auf der A1 höchstwahrscheinlich in die Karambolage mit 20 Beteiligten verwickelt worden, die dazu führte, dass etwa 10 Autos vor uns die A1 wegen eben dieser Karambolage komplett gesperrt wurde und die uns 4 Stunden nachts auf der Autobahn bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt bescherte. So aber bin ich um 5 Uhr morgens zwar durchgefroren und ziemlich müde, aber körperlich unversehrt und wohlbehalten zu Hause.

Um 10 Uhr werde ich wach. Nein, ich bin nicht ausgeschlafen. Mich treibt eine Stimme an, meine Mutter anzurufen und ihr alles Liebe zum Muttertag zu wünschen. Denn heute ist Muttertag. Ich bin müde und würde die Äuglein gerne wieder zu machen. Den fehlenden Schlaf nachholen. Die Stimme gibt keine Ruhe. Wenn ich schon nicht hinfahre (ha, wie denn auch! Meine Eltern wohnen in der Stadt, die sich dank Deutscher Fußballmeisterschaft und dem gestrigen DFB-Pokalfinale in einer Dauerpartyschleife befindet. Die armen Ureinwohner haben es nicht mal an die Wahlurnen geschafft.), muss ich wenigstens frühzeitig anrufen und meiner Mutter einen lieben Gruß übermitteln. Ich bin sooooo müde und schäle mich schließlich um 11 Uhr aus dem Bett.

Pflichtschuldig erledige ich den Muttertagsanruf und erlebe meine Mutter in schwarz-gelber Glückseligkeit. Sie ist Fußballfan der Heimmannschaft und hat die Freude über den Sieg im DFB-Pokal mit in den heutigen Tag genommen :mrgreen:.

Erledigt. Meine Stimme gibt Ruhe. Oder doch nicht? Hmmm… ich bin ja auch Mutter. Was ist denn mit meiner Tochter? Im Vorfeld hatte sie mal erwähnt, dass sie mich am Muttertag zum Mittagessen einladen wollte. Davon war in den letzten Tagen keine Rede mehr. Na ja, mal schauen, wann sie sich meldet. Der Tag ist ja noch lang…

15 Uhr. Ich wundere mich ein bisschen. Schaue mein Telefon an, überprüfe, ob die Leitung funktioniert. Schaue auf mein Handy. Vielleicht eine SMS für mich? Nein.

Heute ist Wahlsonntag in NRW. Zeit, mich anzuziehen und mein Kreuzchen zu machen. Um 16 Uhr bin ich zurück, schaue mein Telefon an und mein Handy – nichts. Ich spüre, dass etwas in mir anfängt zu nagen. Also, ich will ja nichts sagen, aber so langsam könnte sich meine Tochter ja mal melden. Der halbe Muttertag ist schon vorbei :-(.

Ein Teil in mir möchte sich ablenken und will weg von diesem Thema. Ein anderer Teil sagt: „Halt, schau hin!“ Letzterer setzt sich durch. Und dann kommt sie hoch – eine Welle von Enttäuschung und Traurigkeit. Seit meine Tochter drei Jahre alt ist, habe ich mich größtenteils allein um sie gekümmert. Als sie den Sportunfall hatte, war ich für sie da und habe sie durch die vielen Krankenhausaufenthalte, die jahrelange Reha und die Phasen tiefer Depression begleitet. Habe meinen Beruf zurückgestellt und letztlich aufgegeben, um für sie da sein zu können.

Bis ich letztes Jahr die Diagnose Brustkrebs bekam. Ich war nicht mehr in der Lage, mich um sie zu kümmern und meine Tochter zog innerhalb von sieben Wochen nach Diagnosestellung aus. Das könne sie nicht ertragen. Jetzt müsse sie gut auf sich selbst aufpassen. Ihre Worte beim Auszug.

 

Den Muttertag des letzten Jahres habe ich nur vage mitbekommen, da mich die erste Chemotherapie umgehauen hatte. Und heute? Ich sitze hier, der Krebs ist weg und mein Kind auch. Nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht lesbar.

Ich bin traurig und das Gefühl verstärkt sich mit fortschreitender Uhrzeit. Mein Verstand ruft mich zur Ordnung. Ich sollte mein Wohlbefinden nicht von ihrem Verhalten abhängig machen. Ich sollte sie bedingungslos lieben und annehmen, wie sie ist, auch wenn sie den Muttertag vergisst.

Ja, ich sollte entspannt sein und bin enttäuscht. Zwischen „sollte“ und „sein“ liegt wieder einmal das Leben.

17.30 Uhr. Das Telefon klingelt. Hach, da ist sie ja :-).

„Alles Gute zum Muttertag.“

„Dankeschön :-).“

Irgendwie klingt ihre Stimme merkwürdig. Schweigen…

 

Sie: „Ich bin so sauer auf Dich. Du verhältst Dich überhaupt nicht wie eine Mutter. Du kümmerst Dich gar nicht mehr um mich. …“

Dann hagelt es zentnerschwere Vorwürfe aus der Abteilung „Nie tust Du…“ und „Immer muss ich …“ Ihr verbaler Angriff wechselt von wütend zu verletzend und schließlich unverschämt. Anfangs bleibe ich ruhig und gehe auf ihre Vorwürfe ein. Erkläre, argumentiere, stelle richtig und beschwichtige. Aber es gibt nichts zu erklären, zu beschwichtigen, zu argumentieren. Jetzt wird gespielt – Schuldquartett. Früher hatte der gewonnen, der im Quartett die Autokarte mit den meisten Pferdestärken hatte. Heute hat der verloren, der die Karte mit den meisten Schuldpunkten erwischt hat.

Da liegt sie. Vor mir. Meine Tochter hat sie mir hingeworfen. Annehmen oder kontern? Ein Satz in mir wird immer lauter und will über meine Lippen: „Ist das der Dank? Nach all dem, was ich für Dich getan habe???“ Der finale Schachmatt-Satz im Schuldquartett! Wie oft habe ich ihn gehört? Und bin schachmatt gegangen?? Nicht nur an Muttertag!!

Nein, nein, nein!! Ich will das nicht mehr. Ich spiele das Schuldspiel nicht mehr mit! Ich beiße mir auf die Zunge und beende das Gespräch mit meiner Tochter, bevor mir dieser Satz doch noch rausrutschen kann.

Ich weiß, dass ich auf dem Transformationsweg der Heilung mit allen Themen konfrontiert werde, die noch im Unfrieden sind. Und gerade heute erkenne ich, wie viel Zündstoff in der Mutter-Kind-Beziehung liegt.

„Du bist nicht so, wie ich dich als Tochter/Sohn gerne hätte.“

„Du bist als Mutter nicht so, wie ich dich gerne hätte.“

Und das Finale: „Und daran bist allein Du schuld!“

 

Ich will jetzt Frieden schließen und bin bereit hinzuschauen. Es sind meine Projektionen; meine Schuldgefühle, die mir da präsentiert werden. Durch meine Tochter und meine Mutter, die bereit sind, Licht auf meine Schattenseiten zu werfen.

Ich bin hier und heute bereit, meine Projektionen zu mir zurückzuholen. Ich bin hier und heute bereit, Frieden zu schließen mit meinen Schuldgefühlen – als Tochter und als Mutter.

Raus aus den Schuldgefühlen! Dafür brauche ich Herrn Zwegat nicht, ich habe meine Tochter und meine Mutter. Danke :-). Was für ein interessantes Muttertagspräsent…

 

 

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3 Kommentare zu “Schuldquartett an Muttertag

  1. Hallo Marya,
    na da hast Du ja einen tollen Muttertag gehabt! Danke fürs Teilen und Glückwunsch zur neuen Erkenntnis! 😉
    Ich kenne diese Situation sehr gut und wünsche Dir, dass Du Deine Projektionen erfolgreich zurückholst!

    Sei lieb gegrüßt – Sylphe

  2. Moin liebe Marya,

    oooohh oh dieser eine besondere Tag soll es bringen. All diese Erwartungen, Anerkennung, Dankbarkeit, dieses Sehnen nach der Liebe, die man doch selber so gerne gegeben hat. Wenigstens einmal im Jahr an diesem offiziellen Tag, oder? Wie ist deine Tochter denn an all den anderen Tagen des Jahres? Und wie empfindest du für deine Mutter an diesem Tag? Wie handhabt ihr das? Wird etwas von dir erwartet?

    Ich habe diesen Tag bei meinem Kind erst gar nicht eingeführt. Nicht nur, weil für mich der Muttertag Kommerz ist, auch weil ich nicht möchte, dass da ein MUSS im Raum steht. Ich mochte es nie und deshalb verlange ich es halt auch nicht. Doch ich freue mich riesig, wenn unvorhergesehen mein Kind an mich denkt oder es für mich da ist, wenn ich es auch mal brauche.

    Doch wie schön, dass du erkennen durftest und nun dich von diesen blöden Gefühlen befreien kannst. Ja hol dir all den Frieden in dein Herz zurück.

    Liebste Grüße von Fee

    • Ihr Lieben,

      was immer ich jetzt über meine Tochter schreiben würde, würde wenig über sie aussagen und ganz viel über mich. Wenn ich bereit bin, den Weg der Metamatrixtransformation zu gehen, sehe ich meine Anteile, meine Projektionen – meinen Film, in dem die anderen mitspielen gemäß ihrer zugedachten Rollen.

      Und so ist es zwar nicht sonderlich bequem, mich dabei ganz auf mich zu konzentrieren und es wäre sicher viel einfacher, den jeweils anderen Mitspieler von Herzen doof zu finden :mrgreen:, aber es würde nichts lösen. Darum bleibe ich bei mir, schaue nur bei mir und stelle fest, dass ich mit „Das bist Du mir schuldig“ oder „Das ist Deine Schuld“ sehr leicht und effektiv zu ködern bin.

      Nachdem ich dank der Autoimmunerkrankung und meiner Gewichtsgefechte auf das Thema „Selbstakzeptanz“ gestoßen bin (ähem, besser gesagt: wurde 😉 ), kommt jetzt folgerichtig „Selbstwert“, wenn Schuld und Schuldbewußtsein erledigt sind. Ich finde es ausgesprochen spannend, wie meine geistigen Coaches mich auf diesem Transformationsweg führen. Ich muss nicht ein Thema mit dem Verstand suchen, die finden mich alle, auch ohne dass ich „hier“ schreie *lachtaugenzwinkernd*.

      Das erinnert mich alles sehr an die Phase 2 in Robert Scheinfelds Buch „Raus aus dem Geldspiel“, das ich jetzt zur Erinnerung noch mal rausgekramt habe.

      Ganz liebe Mittwochsgrüße – Marya 🙂

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